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Klassischer Journalismus und Blogs

ver-di-Ausgabe Sept. 2006

BILD-Handy-Reporter, Readers Edition… die aktuelle Ausgabe der ver.di Mitgliederzeitung “Menschen machen Medien” bringt einen Sack voll Artikel zum Thema “Bürgerjournalismus”. Hier ein Zitat aus einem Interview mit Christoph Neuberger (KuWi-Professor, Münster):

Die Behauptung, dass professioneller Journalismus durch Weblogs ersetzt oder verdrängt werden könne, halte ich für unsinnig. Es gibt natürlich ein paar Blogger, die mit hohem Selbstbewusstsein solche Dinge behaupten. Blogs sollten nicht unterschätzt werden, sie sind aber eher eine Ergänzung. (…) Meist handelt es sich um Produkte von Menschen, die eher über ihren privaten Alltag berichten, Kontakt zu Gleichgesinnten suchen und gar kein Interesse daran haben, mit relevanten Themen eine größere Öffentlichkeit zu erreichen.

Quelle: Berufsrolle im Wandel

Ubuntu, fon, Musik, Software-Tweaking: Der “Kontakt zu Gleichgesinnten” ist mir wichtig. Es ist selbstverständlich anregend, wenn man sich mit Menschen über Dinge austauschen kann, die einen gerade beschäftigen. Dennoch steckt hinter dem ganzen Prozess mehr, als von Neuberger angenommen.

Die anfängliche Stimmung gegen Blogs bei den etablierten Medien (Beispiel: SpO) ist mittlerweile verflogen. Man macht munter mit beim allgemeinen Mash-Up. Viele Medien nutzen “uns Blogs” zunehmend als Info-Lieferanten, bringt munter You-Tube-Videos, Netz-Gossip und ab und zu auch ernsthafte Themen aus der Netzgemeinde, wenn die Redaktion der Ansicht ist, das noch nirgendwo gelesen zu haben.

Ich schätze, der klassische Journalist wird zu einem Minderheiten-Phänomen werden, unbezahlbar in seiner Unabhängigkeit, isoliert in seinen Recherchen. Das Berufsbild beginnt jetzt schon, sich radikal umzugestalten. Wie ist Eure Meinung dazu?

Ja, Computer waren doof

Ein nahe liegendes Gedankenspiel, das Netzwelt-Macher Frank Patalong in Als die Dose unser Leben veränderte treibt, aber er hat recht:

Vergleichen Sie: Ihr Leben 1980 und heute
Man muss sich so etwas selbst einmal klar machen: Wir sind eine Generation, die eine Veränderung der Lebenswelt durch Einführung einer neuen Technik erlebt hat, wie es sie seit Erfindung des Automobils nicht mehr gegeben hatte.

Gerne komme ich der Aufforderung nach einer “Anekdote aus der digitalen Frühzeit” nach, wähle aber lieber das Jahr 1986.

Seit den späten 70er Jahren besuche ich regelmäßig die Stadtbibliothek Bremerhaven. Mir gefällt die Atmosphäre zwischen all den Bücherreihen, die Stille, der Geruch von Papier und Wissen. Ich bin stolz auf die Reihe von Stempeln auf dem Ausweis: 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86… der Papier ist übersät von Jahreszahlen und meine Leidenschaft klar. Ich weiß, was ich werden will!

Im großen Lesesaal greife ich zu einem Berufsratgeber, der damals auch kostenlos an Schulen verteilt wurde, ein fleddriges Ding auf Umweltschutzpapier. Ich setze mich an einen der vielen leeren Tisch und blättere. Ich möchte Bibliothekar oder auch Archivar werden (nach Erzbischof in den 70er Jahren mein zweiter großer Berufswunsch). Aber was steht dort geschrieben: Ein Bibliothekar muss sich zwingend mit Datenverarbeitung auseinandersetzen, gleiches gilt für den Archivar.

“No, no, never!” grummele ich, schlage den Kopf in das Pali-Tuch ein und beschließe, die Sache mit dem Beruf für eine Weile zu vertagen und erst mal ans Gymnasium zu gehen.

Der Vergleich zwischen damals und heute erübrigt sich mit dieser Anekdote, schätze ich…