Tag Archive for 'literatur'

“I was here”

Sich selbst in die Welt hinausschütten und von durstigen, aufmerksamen Augen getrunken werden…
Der Abschiedsbrief-Generator

Was gebe ich preis, was nicht? Es ist so einfach, über sich selbst zu erzählen, über Freunde oder Gepflogenheiten, nicht nur im Blog, eigentlich überall in den Communities des Netzes. Der Augenhunger ist überall da draußen. Man will sehen und gesehen werden. Für uns Ältere, die sich vielleicht noch an den empörten Baykott der Volkszählung erinnern, wird die eigene Veröffentlichung wohl immer eine misstrauisch beäugte Gradwanderung bleiben, die Jüngeren fällt es leichter… Sobald der Ton freundlich ist und sich sogar Interesse offenbart, wird man locker. Menschen sind neugierig auf Menschen. Leider klingen Motti wie Don’t be evil mittlerweile nicht mehr freundlich, sondern schwelen in einer geschürten untergründigen Bedrohlichkeit vor sich hin.

Meiner Erfahrung nach können sich Menschen im Netz darstellen, wenn sie eine eigene Stimme besitzen. Ein Beispiel: Das Baby-Tagebuch mit den typischen Beigaben einer gestressten Mutter wird erst dann interessant, wenn ein klarer Blickwinkel auf die Geschehnisse ins Spiel kommt. Diese Positionierung schützt die Schilderung einer gestressten Einkaufstour mit Blag davor, ins Triviale abzurutschen. Die langweiligen Babyblogs, die intime, im Kern aber trotzdem öden Ansichten einer Jungfamilie, die bei Google jedem preis gegeben werden, der über das Blog stolpert, sind so eine Art “I was here”, wie es in den 80ern an jede dritte Ampel mit Edding aufgetragen war. Alles für die “durstigen, aufmerksamen Augen”…

Harrijasses, die Suche nach diesem Bild im literarischen Kontext des Projekts Gutenberg ergibt gerade mal sieben Treffer, von denen mir Gottfried Keller der einzige Bekannte scheint. Es wird Wein, ein kleines Schauspiel, die Weite oder ein Buch mit durstigen Augen angeblickt. Die Altvorderen kennen die Gier der globalen Kommunikation nicht, Vernetzungstapeten an den Wänden von My Space-Profilen.

Alfred Polgar

Ihr kennt Kurt Tucholsky, Ihr kennt selbstverständlich Bert Brecht und Carl von Ossietzky… Aber kennt Ihr Alfred Polgar? Nein? Dann solltet Ihr Euch bei Zweitausendeins das Lesebuch des großen Weglassers holen. Nur unschlagbare 4,95 Euro muss der Schnäppchenjäger berappeln.

Und um Euch einen kleinen Eindruck zu vermitteln, gibt´s hier einen Ausschnitt aus “Die Dinge” (1909). Wenn man bedenkt, in wie vielen Bildern diese nervöse Anwandlung seither von Hollywood aufgegriffen wurde. Aber vielleicht auch kein Wunder, hat Polgar in der Migration doch als Drehbuchautor für Metro-Goldwyn-Mayer gearbeitet.

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/: Burroughs Ziehsohn reloaded

Anfang der 90er Jahre kam ich zum ersten Mal mit einer Ausnahmeerscheinung des deutschen Literaturbetriebs in Berührung: Rolf Dieter Brinkmann. Die Mischung aus Radikalität, Musikbegeisterung und Pop-Rezeption schlug mich damals sofort in ihren Bann. In diesem Jahr gibt es verschiedene Jubileen zu feiern. Leider waren die meisten Termine schon im April und ich habe (wieder mal) so einiges verpasst, vor allem im D-Radio.

Insbesondere die Sammlung ACID, die Brinkmann zusammen mit Ralf Rainer Rygulla 1969 herausgegeben hatte, kann ich auch heute noch jedem Pop-Begeisterten wärmstens ans Herz legen. Wunderbar auch, dass nunmehr endlich auch die vom Autor geplante lange Version von “Westwärts 1 & 2″ erscheint: 26 Gedichte und ein Nachwort wurden hinzugefügt!

Mittlerweile beziehen sich zahlreiche Medienschaffende auf Brinkmann: populärstes Beispiel vielleicht Jochen Distelmeyer (Blumfeld: Jenseits von Jedem).

1996 machte ich mich auf, um die Engelbertstraße 65 und ihre Umgebung abzuschreiten – einfach nur um zu sehen, in welcher Umgebung Brinkmann in Köln gelebt hat. Na, damals war ich nicht der einzige, wie mir scheint. Seltsam, die Erinnerungsbilder so oder so im Netz wiederzusehen.

Rolf Dieter Brinkmann

Zum 65. Geburts- und 30. Todestag erscheint so viel Brinkmann-Output, dass sich der “Fan” kaum retten kann. Viele Hörfunk-Beiträge aus dem April habe ich verpasst. Die fünf! CDs mit Tonband-Aufnahmen sind ein leider ziemlich kostspieliger Trost: 44,90 Euro. Kennt jemand das Material? Lohnt sich das?

By the way: Sogar ein Brinkmann-Film wird Ende des Jahres kommen: Brinkmanns Zorn. Die Einstiegsseite vermittelt übrigens einen guten Eindruck, wie so eine Faksimile-Seite aus Brinkmanns Arbeit in den frühen 70er Jahren aussah.

Kurzvorstellung von R. D. Brinkmann, D-Radio, 23. April 2005 (MP3-Datei)

Schwimmer im dunklen Strom

An diesem Wochenende habe ich die bemerkenswerteste Geschichte seit langem gelesen, eine kurze Novelle in großen Lettern geschrieben, verpackt in eines dieser kleinen, häßlichen dtv-Bändchen mit den langweilgen, immergleichen Pinsel-Covern.

Wie es der Zufall will, dreht sich die Erzählung um eine Geburt (was für ein Griff, drei Monate vor dem Geburtstermin unseres zweiten Kindes).

Schwimmer in dunklen Strom

Der Autor William Kotzwinkle hat mit “swimmer in the secret sea” eines der traurigsten Stücke geschrieben, die je zu Papier gebracht wurden, eine große, nachdenkliche Klage über das Leben und den Tod: Ein Vater begleitet die Geburt seines Sohnes, die zugleich auch sein Sterben ist und zimmert einen Sarg, um ihn in den Wäldern Kanadas zu bestatten.

Wie jedes Stück großer Literatur berüht Kotzwinkles autobiographische Erzählung etwas Elementares und das auf so eine klare und unverstellte Art und Weise, dass die eine Stunde Lesestoff wie eine große Traumglocke über meinem Wochenende hing.

Dem Übersetzer der Novelle, Hans Pfitzinger, scheint es nicht anders ergangen zu sein, wie seine Bemerkungen zum “Swimmer” zeigen:

“Ich habe von 1973 bis 1978 in Kalifornien gelebt. Ein Freund drückte mir “Swimmer in the Secret Sea” (Schwimmer im dunklen Strom) in die Hand und sagte: “Das musst du lesen”. Ich lag am sommerlich heißen Strand und las Kotzwinkles Beschreibung des kanadischen Winters und bekam eine Gänsehaut. Ich dachte mir, wenn ein Autor das schafft, dann muss er etwas Besonderes sein.”

Eine etwas seltsam anmutende Randnotiz dazu noch: Kotzwinkle ist tatsächlich auch der Autor von “E.T.” – nach der unmittelbaren Lektüre von “Schwimmer im dunklen Strom” eine unwillkommene Konnotation, die ich lieber weggeschoben hätte, gerade wenn man bedenkt, dass die Anmutung des Außerirdischen durchaus einem Baby nachempfunden ist.

Das kurze Stück Literatur, das sich so bloß und schonungslos auf knapp 80 Seiten präsentiert, hat sich im Werk Kotzwinkles nie wiederholt. Ein Sonderfall also. Hier hat jemand seine ureigenste Angelegenheit zu Papier gebracht, das gelingt nur einmal, lässt sich nicht beliebig abrufen – bei aller Unvermeidlichkeit und Tragik also ein “Glücksfall” im literarischen Sinne.

Kotzwinkle lebt mit seiner Frau seit vielen Jahren zurüchgezogen auf einer Insel; menschenscheu und unnahbar für Journalisten. Nur Übersetzer Pfitzinger lud er ein. Er erinnert sich:

“Später habe ich ihn gefragt, weshalb er bei mir eine Ausnahme gemacht hat. “Weißt du, wenn einer ‘Schwimmer im dunklen Strom’ übersetzt hat, das persönlichste und intimste Buch, das ich je geschrieben habe, kann er als Mensch nicht ganz daneben liegen.”