230 Unterschriften und 80 längere oder kürzere Gespräche später muss ich sagen, dass es ganz schön anstrengend ist, sich für eine Sache wie ein Turbostaubsauger zu engagieren. Am Freitag klingelte einer dieser neumodisch in Blau uniformierten Polizisten. Kann mich an diesen Hollywood-Look nicht gewöhnen. “Hallo, schön dass ich Sie erreiche. Ich betreue die Demonstration von Seiten der Polizei. 10 Minuten hatten Sie eingeplant?” “Circa 10 Minuten!”, sage ich. Daran erinnere ich mich genau. Das ist der Deal mit der Versammlungsbehörde. Circa 10 Minuten… Hmm, wird ganz schön knapp, denke ich – Rede halten, der Frau vom Kerngebietsausschuss die Unterschriftenliste in die Hand drücken, Zebrastreifen ausrollen, Kinder drüberlaufen lassen, Versammlung auflösen.
Der Polizist drückt mir seine Karte in die Hand und sagt “Einen schönen Tag noch.” Auf der Karte steht: Klaus Dieter Charlet-Liebe. Was ist denn das für ein Name? War das ein Faschingsangriff? Egal, weiter Unterschriften sammeln… der Zuspruch wächst, die Mütter zeigen sich schon gegenseitig den komischen Vogel mit der Mappe unterm Arm. Zur Demo sollten mindestens 100 Leute kommen. Starke Verbündete sind die Senioren mit dem Rollator. Die sind langsam, die haben Zeit und die sind genervt von der Ecke und unterschreiben gerne. Insgesamt bin ich zufrieden und etwas müde.
Leonie will sich einen Badeanzug anziehen, weil sie im Fernsehen gesehen hat, dass auf Demonstrationen Wasserwerfer eingesetzt werden. Überall hängt unser Zebra. Langsam wird die Zeit knapp. Aber immerhin, die Rede (PDF) ist fertig. Die Flüstertüte wird auch gerade besorgt… Ich glaube, Demonstrieren ist was für Studenten, die haben Zeit. Fühle mich gerade nur bedingt renitent…
Ich habe meine erste Demo angemeldet… auf meine alten Tage. Der Polizist musterte das Formular und meinte: “Das ist aus dem internen Schriftverkehr.” Ich: “Das hab ich aus dem Internet.” “HEINZ!” Polizist geht ins Hinterzimmer. “Das ist aus dem Internet.” Brabbel, brabbel. Tuschel, tuschel. Wieder nach vorne zum Tresen. “Alles klar, ich pack das in die Hauspost und dann geht das nach Eimsbüttel zur Versammlungsbehörde. Da sollten Sie Donnerstag dann mal anrufen.” “Kann ich eine Quittung haben?” “Quittung?” Stirnrunzeln. “Ja, da spricht eigentlich nix gegen. Ich kopiere das und mache einen Stempel drauf.”
Wieder draußen freue ich mich über den einfachen Weg. Nicht einmal warten musste ich. Ach ja, und darum geht’s.
Seit einigen Tagen steht auf dem Waschbeckenrand eine blaue Lotion im praktischen Spender, die nach roten Kaugummi-Bällchen aus dem Automaten an der Ecke riecht, ein süßer, künstlicher Fruchtgeruch. Viviane hat sie für die Kinder aufgestellt, ein Lockmittel, damit sie sich gerne die Hände waschen. Unser ph-neutrales Seifenstück ist eine Etage höher gewandert, deutlich sichtbar auf Höhe der Augen, direkt vor dem Spiegel…
Seit einigen Tagen riechen auch meine Hände nach Kaugummi. Jedes Mal schüttel ich den Kopf, rieche an den Fingern und sehe dabei die Kinder vor dem gefüllten Waschbecken quietschen. Beim nächsten Mal werde ich das Seifenstück in die Hand nehmen und mir geruchsneutral die Hände waschen… beim nächsten Mal bestimmt.
Ich gebe zu, die Zahnfee hat sich ganz allmählich bei uns eingeschlichen. Da war dieses Kinderbuch, in dem ein Disney-Klon von Zaubertrulla Brüderchen und Schwesterchen versicherte, dass die Beißerchen schwarz wie die Nacht würden, wenn die Zähne nicht täglich ihre Politur bekämen. Das Vorlesen war soweit sicherlich pädagogisch wertvoll, denn unsere Lütte verwandelt sich im Badezimmer ab 19.00 Uhr in ein Putz-Werwölfchen. Da wird die Zunge vor den Zähnen postiert, Zahnpasta einfach weggelutscht oder schlicht die Reinigung in einer Schildkrötenhaltung mit aufgestellten Nackenhaaren totalverweigert. Das macht Spaß!
Und dann wackelte der untere Schneidezahn bei der Großen seit Wochen so vor sich hin. Und als er fällig war, wurde die Zahnfee ins Spiel gebracht. Zahn unter’s Kopfkissen, ein erwartungsvoller Blick in Richtung Eltern. Aber was macht die Zahnfee überhaupt? Aha, Geschenke bringen, am besten Goldstücke. Und wieso kenne ich das nicht? Deswegen vielleicht:
Die Zahnfee ist ein Fabelwesen, ursprünglich aus der britischen und amerikanischen Folklore (…)
Quelle: Die Zahnfee
In den 70ern gab es keine Zahnfee, es gab nur den Wackelzahn und der war nach hingebenungsvollem Umgedrehe fällig. Und dann ging es mit der Zunge in die Lücke. Das war Belohnung genug.
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