Sich selbst in die Welt hinausschütten und von durstigen, aufmerksamen Augen getrunken werden…
Der Abschiedsbrief-Generator
Was gebe ich preis, was nicht? Es ist so einfach, über sich selbst zu erzählen, über Freunde oder Gepflogenheiten, nicht nur im Blog, eigentlich überall in den Communities des Netzes. Der Augenhunger ist überall da draußen. Man will sehen und gesehen werden. Für uns Ältere, die sich vielleicht noch an den empörten Baykott der Volkszählung erinnern, wird die eigene Veröffentlichung wohl immer eine misstrauisch beäugte Gradwanderung bleiben, die Jüngeren fällt es leichter… Sobald der Ton freundlich ist und sich sogar Interesse offenbart, wird man locker. Menschen sind neugierig auf Menschen. Leider klingen Motti wie Don’t be evil mittlerweile nicht mehr freundlich, sondern schwelen in einer geschürten untergründigen Bedrohlichkeit vor sich hin.
Meiner Erfahrung nach können sich Menschen im Netz darstellen, wenn sie eine eigene Stimme besitzen. Ein Beispiel: Das Baby-Tagebuch mit den typischen Beigaben einer gestressten Mutter wird erst dann interessant, wenn ein klarer Blickwinkel auf die Geschehnisse ins Spiel kommt. Diese Positionierung schützt die Schilderung einer gestressten Einkaufstour mit Blag davor, ins Triviale abzurutschen. Die langweiligen Babyblogs, die intime, im Kern aber trotzdem öden Ansichten einer Jungfamilie, die bei Google jedem preis gegeben werden, der über das Blog stolpert, sind so eine Art “I was here”, wie es in den 80ern an jede dritte Ampel mit Edding aufgetragen war. Alles für die “durstigen, aufmerksamen Augen”…
Harrijasses, die Suche nach diesem Bild im literarischen Kontext des Projekts Gutenberg ergibt gerade mal sieben Treffer, von denen mir Gottfried Keller der einzige Bekannte scheint. Es wird Wein, ein kleines Schauspiel, die Weite oder ein Buch mit durstigen Augen angeblickt. Die Altvorderen kennen die Gier der globalen Kommunikation nicht, Vernetzungstapeten an den Wänden von My Space-Profilen.
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