Dank Sørens milder Gabe, habe ich seit einer Woche die neu eingespielte Hörfassung von Patrick Süskinds “Das Parfum” auf den Ohren – jeden Tag 20 Minuten auf den Weg zur Arbeit, 20 Minuten zurück – eine halbe CD Kurzweil pro Tag.
Momentan stecke ich in der dritten CD, die den alten Parfumeur Giuseppe Baldini einführt. Bei ihm geht der Protagonist der Novelle, der Mörder Grenouille, später in die Lehre. Baldinis Klagen über die Zustände im Gewerbe wirken recht modern und haben mich spontan an etwas erinnert.
Süskind lässt den alten Parfumeur im zehnten Kapitel einen langen Monolog führen, der die grundlegend konservative Haltung seiner Generation zum Ausdruck bringt. Beim Abhören erinnerte mich Baldinis Lamentieren spontan an die Ressentiments der kränkelnden Musikindustrie unserer Tage, an ihre Ängste vor der Entfesselung der Produktionsmittel im Zuge einer digitalen Revolution, an der die großen Labels mit der CD zwar gerne mitverdienten, deren Möglichkeiten im Zuge ungebremster P2P-Datenströme sie aber fast zerschmettert hätte.
Im Detail sinniert Baldini über seinen Widersacher Pelissier, einen jungen Parfumeur, der die Modeparfums der Saison entwirft, gänzlich ohne Ahnung um die Tradition und die Geheimnisse der Duftherstellung:
Wozu brauchte man in jeder Saison einen neuen Duft? War das nötig? Das Publikum war früher auch sehr zufrieden gewesen mit Veilchenwasser und einfachen Blumenbouquets, die man vielleicht alle zehn Jahre einmal geringfügig änderte. Damals wäre eine Figur wie Pelissier gar nicht möglich gewesen, denn damals brauchte es schon zur Erzeugung einer simplen Pomade Fähigkeiten, von denen sich dieser Essigpanscher gar nichts träumen ließ. Man musste nicht nur destillieren können, man musste auch Salbenmacher sein und Apotheker, Alchimist und Handwerker, Händler, Humanist und Gärtner zugleich.
Gleichzeitig erinnern Baldinis Klage auch an die Zeit zu Beginn der 60er Jahre, in der die großen Plattenbosse festellten, dass sie den Markt nicht mehr mit einer Handvoll aufgebauter Stars à la Cliff Richard, Connie Francis oder Pat Boone kontrollieren konnten. Sie werden sich wohlmöglich ähnlich ratlos an den Kopf gefasst und mit Baldini die Frage nach dem Sinn und Zweck dieser Umwälzungen gestellt haben.
Pelissier scheint übrigens ein genialer Remixer zu sein, der aus den Duftessenzen im Regal frische Düfte wie “Amor und Psyche” herstellt und damit die Verhätnisse völlig auf den Kopf stellt. Er nutzt die Duftkomponenten kreativ, erzeugt Mash-Ups und zwingt die alten Parfumeure dazu, sich zu bewegen:
Wahrscheinlich hatte er (Pelissier) Paris noch nie verlassen, in seinem Leben blühenden Jasmin noch nie gesehen. Geschweige denn, dass er einen Schimmer von der gigantischen Schufterei besaß, deren es bedurfte, um aus hunderttausend Jasminblüten einen kleinen Klumpen Concrete oder ein paar Tropfen Essence Absolue herauszuwringen. Wahrscheinlich kannte er nur diese, kannte Jasmin nur als konzentrierte dunkelbraune Flüssigkeit, die in einem kleinen Fläschchen neben vielen anderen Fläschchen, aus denen er seine Modeparfums mixte, im Tresorschrank stand.
Das solide, aber langweilige Handwerk Baldinis knickt ein vor dem kreativen Dilettantismus eines Pelissiers. Die Leute wollen die Rock ´n´ Roll und keine braven Highschool-Schmonzetten.
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