Töchterchen weiß, dass Onkel Edward in Berlin wohnt und Berlin noch größer ist, als Hamburg. Sie weiß auch, dass Hamburg und Berlin in Deutschland sind. Seit einigen Tagen kennt Sie auch die drei Farben: Unübersehbares “Schwarz”, “Rot”, “Gelb”.

Sie will eine Deutschlandfahne und fragt, ob wir eine kaufen können. Überall liegen sie rum: Fähnchen, Wimpel, Hüte, Bälle… Mein Befremden, ob dieses einfachen und klaren Anliegens und die Bildschablonen von ausgemergelten Körpern und Blumen für den Führer, die in meinem Kopf schwällern, während sie fragt, sind beträchtlich.
“Find ich gut, man wird nicht gleich als Nazi beschimpft, wenn man jetzt eine Fahne am Auto hat”, meint ein Kollege. Der Spiegel behauptet, dass sich das Feuilleton ratlos am Kopf kratzt. Und Bild fordert Ballack auf, das Italien-T-Shirt auszuziehen.
Man wird es mir nicht mehr rausprügeln können, dieses Misstrauen gegenüber dem deutschen Wir-Gefühl. Und ich weiß… so wie mir geht es trotz aller Fahnenschwenkerei vielen Deutschen. Ehrlich – darauf bin ich stolz.
Töchterchen hat übrigens jetzt eine Deutschland-Stofftüte im Zimmer. Woher die bloss stammt? Memo an mich: Muss mal die Mama fragen…
Nachtrag: Und da hat Spiegel die Patriotismus-Debatte noch um ein paar Stimmen ergänzt. Viele finden es – na was schon – “schön, so normal”. Und was meint der alte Geißler zur Fahnenseligkeit:
Wenn die Fahnen fliegen, ist der Verstand in der Trompete.
Ach ja, eine Momentaufnahme noch: Nach dem Spiel “Argentinien – Elfenbeinküste” war ich auf einer Feier der Cote d’Ivoire in Wilhelmsburg. Wenig Leute waren da, man hatte sich aber offensichtlich auf Sieg eingestellt. Nach und nach trudelten Leute aus dem Stadion ein. Beeindruckend fand ich einen Ivorer, der mitten in der Trauer-Stimmung mit einem weiß-blauen Argentinien-T-Shirt auftauchte. Er hatte es trotz Niederlage seiner Mannschaft nicht ausgezogen.
Was wird eigentlich mit all den Flaggen geschehen, wenn Deutschland die Vorrunde nicht schafft? Bin gespannt, ob die Autos, Fenster, Fahrräder dann immer noch die Landesfarben tragen.
Krass, deine Angst. Du bist ja richtig traumatisiert. So alt bist du doch aber noch nicht? Übrigens: Schwarz-Rot-Gold sind die Farben der Republik, die haben nichts mit dem dritten Reich zu tun.
Sollte deine Tochter nach einer Rot-Weiß-Schwarzen Fahne fragen, würde ich eher mißtrauisch werden.
Angst habe ich keine, “traumatisiert”… nun ja, das Lagersystem des 3. Reichs war mein mündliches Prüfungsthema. Und die 70er und 80er Jahre waren von einem starken Mißtrauen gegen Nationalismus geprägt. Da bin ich ganz Kind meiner Zeit.
Grundsätzlich ging damals die Scham gegenüber den Missetaten der Väter mit einem Impetus einher, der die Deutschen zu “Friedensbeseelte Gutmenschen neuer Art” erzog, eine Haltung, die in München 1972 bestraft wurde und zur Geiselnahme des iraelischen Teams führte.
Häufig genug wird diese Haltung mittlerweile am Stammtisch und sonstwo verspottet. Aber ich musste mit diesem Blog-Beitrag mal eine Lanze dafür brechen. Sie ist der Grund, warum wir mit Konrad Adenauer Europäer wurden – viel mehr und viel schneller als Briten, Skandinavier und sonstige europäische Länder.
Es bleibt spannend …
1.)
Gab es möglicherweise schon seit vielen Jahren ein tiefes WIR/ Deutschland- Gefühl, welches wir aufgrund unserer Vergangenheit nur nicht leben durften ? Ein Gefühl, das über viele Jahre hinweg „organisch gewachsen ist“ und bisher nur sorgfältig unterdrückt wurde ? Ein Gefühl, das schon lange “in uns” war & sich nur deshalb jetzt so massiv „entlädt“, weil es sich schon lange nach Veröffentlichung sehnte ? Mag sein, dem würde aber stark widersprechen, was Meinungsforscher immer wieder über das Eigenbild der Deutschen berichten.
2.)
Oder ist der Wunsch hier eher Vater des Gedankens ? „Eine Ware, die man allzu auffällig ins Schaufenster legt, die führt man meist gar nicht“ (unbekannter Verfasser). Handelt es sich womöglich um eine Gegenreaktion auf die demonstrativ nach außen gezeigte Heimatverbundenheit anderer Länder, die wir möglicherweise nur noch schwer ertragen (und erst recht nicht in unserem eigenen Land) ? Eine Situation die uns quält, weil wir durch diese Demonstration immer wieder (auch heute noch, nach so vielen Jahren) an unsere Vergangenheit erinnert werden ? … uns immer wieder quälen mit der Frage „Warum schwenke ich eigentlich kein Fähnchen ?” Ist es womöglich eine Form von „jetzt ist Schluss – das will ich auch – unbedingt, hier & jetzt !“ ?
Die Massivität lässt mich noch auf eine weiteres „Spiel“ schließen: „Meins ist besser als Deins – alles was Du kannst, kann ich viel besser“. Das würde auch die starken Solidarisierungseffekte erklären (gemeinsam – als Volk – den anderen mal zeigen, wozu wir in der Lage sind. „Wenn wir unsere Fahnen auspacken, könnt Ihr einpacken“).
Kurzum, mir geht es ein bisschen wie Jens, ich “kann da jetzt auch nicht so richtig aus meiner Haut”. Immerhin habe ich aber beim WM- Eröffnungsspiel auch plötzlich einige Minuten lang mit einer Fahne in der Hand auf dem Heiligengeistfeld gestanden (es hatte mich tatsächlich gepackt). In wieweit der Alkoholeinfluss mir dabei geholfen hat, kann ich rückblickend nicht mehr klar beurteilen (die anderen Fahnenschwenker waren sicher alle nüchtern ;-). So oder so – ich bin gespannt wie es sich mit dem WIR Gefühl bei mir selbst & in der Republik entwickeln wird. Es bleibt weiter spannend.
zu 1.: In Sachen Patriotimus und Heimatverbundenheit im Rahmen eines Nationalstaats haben die Deutschen doch keine Anti-Gen im Blut. \\\”12 Jahre Diktatur\\\” haben uns wphltuend zur Räson gerufen.
zu 2.: Klingt als Gendakengang meines Erachtens zur kompliziert. Gerade in Sachen Flaggengefühl ist alles ganz eindimensional, ein Nacheifern möchte ich da nicht unterstellen.
Dieses \\\”gepackt werden\\\” ist wahrscheinlich so harmlos und menschlich wie ein Gläschen Wein. Wenn es denn mal bei einem Gläschen bleiben würde… vielen bekommt Patriotimus gar nicht gut. Der Verstand leidet einfach bei zu viel Alkoholgen… ähhh, Vaterlandsliebe.
Interessant, ich denke darüber nach, Jens.
Hallo Jens und Dirk,
zu 1) Natürlich haben wir Deutschen kein Anti-Gen im Blut. Und Patriotismus und Heimatverbundenheit sind für mich völlig normale Gefühle, die wir uns zutrauen sollten. Diese wurde m.E. durch die Schulzeit nur mit einem Tabu belegt. Dies hat dann dazu geführt, dass Patriotismus immer unterschwellig blieb.
Ich finde, wenn man sich vor Augen führt, dass die Nationalflagge auf die Revolution von 1848 zurückgeht, also ein Zeichen der Demokratie ist, ist es völlig ok, sie zu zeigen.