Monthly Archive for Dezember, 2004

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Neuer deutscher Dumpfrock

Endlich, eine neue Lieblings-Hassband: Anajo. Wie auch bei anderen Hassbands nähere ich mich diesem Gefühl zunächst von der texlichen Ebene. Ergo: Wenn eine Band nix zu sagen hat, soll sie die Klappe halten. Schlimm war das bei Schwester S und andere HipHop-Kopfgeburten, schlimm ist das bei Tomte.

Jetzt komme mir niemand mit so Nummern wie “Rammstein, Silbermond oder Wolle Petry sind doch viel schlimmer”. Die, so meine Antwort, wollen ja auch nicht auf der richtigen Seite stehen. Anajo, das hört man deutlich, sieht man deutlich, wollen dahin, wo die Gegenkultur blüht.

Sänger Oliver Gottwald sabbelt viel rum in den Anajo-Stück. Kleine Kostprobe gefällig?

“Honigmelone, du bist nicht ohne, nein du bist mit.
Glücklich wer´s hat.
Honigmelone, du bist nicht ohne, nein du bist mit.
Glücklich wer´s hat.
Ich habe die Annahme, du bist eine Ausnahme.
Ich hab den Verdacht, du hast Geschmack.
Ich habe die Annahme, du bist eine Ausnahme.
Ich hab den Verdacht, du hast Geschmack.”

Aha.
Interesssant, wer in diesen schwierigen Zeiten von den Labels ins Boot geholt wird. Sicher, die Musik ist trendy, typische Retro-Elementen: Schmeiss den Juno an, hol den Sampler raus. Und jetzt reim ich da mal was drauf. Das ist aber zu wenig.

Und da auch Anti-Werbung eine Art von Werbung ist, streue ich hier noch eine Liste von Namen ein, die es besser machen – zum Teil sogar viel besser. Wenn Ihr zufällig auf der Suche sein solltet, sucht hier: Bernadette La Hengst, Peter Licht, Jeans Team, DAF, Der Plan, Britta, Fink, Kante, Quarks
So! und die Verlinkung zu Anajo müsst Ihr Euch schon selber suchen, die spar ich hier mal aus :o)

Eine Last sein…

Alte Frau aus Cuba

(Public Domain: geekphilosopher.com)

Das Szenario einer senilen Gesellschaft, in der betagte Menschen die Jugend mit ihrer Masse erdrücken, ist mit Frank Schirrmachers Bestseller “Das Methusalem-Komplott” in letzter Zeit in die gesellschaftliche Mitte gerückt worden. Als Teil dieses zukünftigen Problems, denke auch ich immer wieder darüber nach und bin daher sensibilisiert für Äußerungen, die in eine Richtung zielen, die sich schnell aufdrängt: Warum den Alten nicht einfach die Pille reichen und sie zwar in Würde, aber bitte schön schnell, verabschieden?

Um diesem Gedanken Raum zu geben, bedarf es des Diskurses. Und da das Thema in Deutschland belastet ist, findet die Diskussion (zurzeit noch) woanders statt. Doch lassen wir Dr. Helen Warnock, eine führende britische Medizinerin, selbst zu Worte kommen:

“I know I’m not really allowed to say it, but one of the things that would motivate me [to die] is I couldn’t bear hanging on and being such a burden on people.”

Quelle: Times Online

Das Argument ist erdrückend. Warum den müden Alten nicht helfen? Der will doch sowieso nicht mehr. In einem 70er Jahre Science-Fiction-Film mit Charlton Heston werden die Alten sogar weiter verarbeitet zu Nahrungsprodukten: Soylent Green. Edward G. Robinson darf als Greis in seinem Sterberaum dafür immerhin noch einmal das wunderbar frische Grün aus seinen Jugendtagen auf einer Leinwand sehen.

Werden wir ihn in 35 Jahren auch spüren, den vorwurfsvollen Blick unserer Kinder? Der stille Vorwurf: “Warum bist Du eigentlich noch da, Papa?” Der Alte legt sich ins Gras nieder, blickt noch mal in die Ferne und sieht die Horde in der Ferne weiter ziehen.

Ohr vernetzen

Meine Prognose: Audioscrobbler könnte bald in jedem guten Onlineshop für Musik anzutreffen sein. Der Vernetzunggrad mit den Hörgewohnheiten anderer ist wirklich erstaunlich hoch. Zusammen mit den Audiostreams von last.fm (beide Seiten können mit einem Login erreicht werden) ist hier ein schlagkräftiges Duo am Start, das in den nächsten Monaten sicherlich einen enormen Zuwachs verzeichnen wird.

Hardcore-Innerlichkeits-Songwriting

Meine 15-Minuten-Strecke von Fruchtallee bis Deelbögenkamp ist die Chance für mich, den Tag mit einem kleinen Horizont zu öffnen. Da mir in dieser Jahreszeit immer wieder mal Nick Drake hinter der Stirn aufleuchtet, lag Tom Liwa nahe, der ein bekennender Nick Drake-Verehrer ist.

Lopnor

Lopnor – für alle, die das Album nicht kennen – präsentiert sich in einer radikalen Innerlichkeit, die jedes Schrille von sich weist und dadurch weit weit weg ist von jeder Art von Rock ´n´ Roll-Anspruch.

Trotzdem mag ich das: Nahe Stimmen, akustische Gitarren, ein Kühlschrank, der anspringt, eine Kaffeemaschine, die röchelt. In Lopnor ist man mit sich allein… und mal ehrlich, wo ist man das heutzutage schon?

Was sollen all diese Bekenntnisse nun? Können die das nicht sein lassen? Oder um es mit den Brüdern Engel zu sagen: “Sag, wenn Du was willst, konkret! Sei kein Poet“. Aber so einfach ist das nicht. Diese Art von Musik will in Kontakt bleiben, mit sich selbst, mit einem imaginären Zweiten. Der Vortrag kommt dabei häufig zu einem Schluss: Ich war/bin Dir nicht genug, ich bin mir selbst nicht genug. Darum habe ich verloren, deswegen sitze ich hier und mache Musik… und darum ist es auch Hardcore, weil es mit einem Mangel/Defekt verbunden ist und darum ist es auch schon wieder fast Rock ´n´ Roll ;o)